Während des Nationalsozialismus (1933–1945) verfolgte und zu Tode gekommene Kunstschaffende

Zielsetzungen einer Online-Datenbank und mögliche Forschungsperspektiven

Während des Nationalsozialismus (1933–1945) verfolgte und zu Tode gekommene Kunstschaffende

  1. Mit der rassistisch motivierten Ermordung von Künstlern, vorab derjenigen jüdischer Herkunft, aber auch der polnischen, tschechischen, ungarischen und litauischen Intelligenz, sowie linker Aktivisten unter den Kunstschaffenden, wurde nicht nur ein kreatives Schaffen abrupt unterbrochen, sondern sehr oft waren auch zahlreiche Angehörige mitbetroffen, sodass für das schon bestehende Werk auch die Rezeption abbricht. Wurden bei der Deportation auch das Atelier und darin vorhandene Werke zerstört, und waren auch noch Galeristen oder Bilder in Museen mitbetroffen, sanken die Chancen, dass das bereits geschaffene Werk jemals wieder eine Öffentlichkeit erreichen konnte. Je jünger der Künstler bei der Ermordung war, umso weniger hatten Einzelwerke, die die Kriegszeit überstanden, noch einen entsprechenden Kontext, um in der Nachkriegszeit wahrgenommen zu werden. Es ist eine der grundlegenden Zielsetzungen, die gewaltsam unterbrochene Rezeption bewusst zu machen und dem erhaltenen künstlerischen Schaffen, das hinter den verblassten Namen von Künstlern steht, die Chance einer neuen Wahrnehmung zu geben.

  2. Erinnerungs- und Gedenkkultur erfolgt häufig in anonymer Form. Ein Denkmal kann noch so mächtig sein (wie etwa das Holocaust-Mahnmal von Eisenmann in Berlin), es repräsentiert die unfassbar grosse Zahl von Opfern und schützt uns gleichzeitig davor, einzelne Schicksale wahrzunehmen. Die Nachgeborenen sind nur in seltenen Fällen über Tagebücher oder andere Zeugnisse darüber unterrichtet, was Menschen erlitten haben. Auch wenn ermordete Künstler nicht direkt die Verfolgung thematisiert haben, sind sie uns durch die überlieferten Bilder als kreativ Schaffende besonders nahe, treten uns über Bilder und Plastiken als Individuen entgegen. Die Nähe zum Opfer wird durch eine Auseinandersetzung mit den Werken von Kunstschaffenden in emotionalen Weise ermöglicht. Deshalb gilt es diese sehr anschauliche Form des Gedenkens in der Bildevidenz wahrzunehmen.

  3. Dass einzelne Künstler Lagerbedingungen und Gewalt bildnerisch dargestellt haben, und dass solche Zeugnisse gerettet wurden, ist bei den ermordeten Künstlern eher selten. Wo ein solches Bild zur Verfügung steht, wird es durch ein Zweitbild aus einer früheren Schaffenszeit ergänzt.

  4. Es gibt mittlerweile eine grössere Zahl von nach Berufsgruppen erfassten Verfolgten. Es gibt Lexika über die ver­folgten deutschsprachigen Kunsthistoriker, über deutschsprachige jüdische Architekten, und es gibt Publikationen über emigrierte Film- und Theaterschaffende. In wachsender Zahl werden Datenbanken zu einzelnen Berufsgruppen wie Juris­ten, Mathematiker und Musiker ins Netz gestellt. Es ist an der Zeit, dass ein solches online-Lexikon auch für die bildenden Künstler(Maler, Bildhauer, Fotografen, Grafiker und Illustratoren und weitere angewandte Künstler) gemacht wird.

  5. In beinahe siebzigjähriger Einzelforschung wurde lokal, regional und national viel geleistet, was auch die Dimension der Verfolgung sichtbar werden lässt. Die Kunstgeschichtsschreibung – soweit sie nicht auf die grossen internationalen Zusam­men­hänge zielt – ist national organisiert. Dies gilt besonders für die nationalen Lexika-Unternehmungen, die in den verschiedenen Ländern für jene Zeit ungleich weit vorangekommen sind. Diese zielen auf eine fast lückenlose Erfassung des damaligen künstlerischen Schaffens. Die früheren Hindernisse während des Kalten Kriegs und Sprachbarrieren in Europa bis heute verhindern allerdings, dass diese Forschung und Dokumentation über Landes- und Sprachgrenzen dringt. Es gilt diese nationalen Einzelforschungen über alle Sprachgrenzen hinweg zu verknüpfen und auch jene Barrieren sichtbar zu machen, die für die Forschung bis 1990 fast unüberwindlich waren.

  6. Das Internet kennt solche Grenzen nicht mehr. Es vermittelt nicht nur Ergebnisse von Auktionen über Landes- und Sprachgrenzen, es macht mehr und mehr auch kleinere und grössere Sammlungen on-line zugänglich. Die Chancen, Werke, die durch Emigration in die halbe Welt zerstreut wurden, übers Internet wieder in einem neuen Kontext zu sehen und ganze Werke zu rekonstruieren, wächst jeden Tag. Biografien müssen international wahrgenommen werden können.

  7. Biografische Lexika, die uns Zusammenhänge über ein Künstlerleben vermitteln, daneben auch weiterführende Literatur und Angaben zu Werken in öffentlichen Sammlungen, sind meistens unbebildert. Somit ist nur der Spezialist (mit seiner spezifischen nationalen Optik) in der Lage Biografie und Werk zu verknüpfen. Das Online Lexikon hat eine Verknüpfung von Text und Bild als primäre Zielsetzung. Es ermöglicht weitere Nachforschungen über historische Ausstellungsbeteiligungen, Mitgliedschaften in Künstlerorganisationen und den Standort von Werken.

  8. Über Jahrzehnte bildeten die Exil-Thematik, die «Entartete Kunst» und in jüngerer Zeit die Provenienzforschung das Hauptfeld der universitären kunsthistorischen Forschung. Somit lag die Zeit vor Beginn des Zweiten Weltkriegs und noch vor der durch die Wannsee-Konferenz besiegelten Vernichtung der Juden in Europa im Hauptfokus kunst­his­torischer Forschung. Die eigentliche Phase des Holocausts überliess man der allgemeinen Geschichtsforschung. Es ist nicht ganz einleuchtend, dass die Wege einzelner konfiszierter Bilder wichtiger sein sollen, als die Tatsache der durch die Ermordung von Künstlern unterbrochenen Rezeption ihrer Werke.

  9. Die Ermordung eines Künstlers scheint zwar ein wissenschaftsfremder Aspekt kunsthistorischer Forschung zu sein. Dabei wird allerdings vergessen, dass andere Biografien früh verstorbener Künstler oft eine grosse Aufmerksamkeit erlangten, wenn es darum ging, nach dem Potential des nicht realisierten Oeuvres im Verhältnis zum bestehenden Werk zu fragen. Überlegungen dazu, was der Nachwelt durch den frühen Verlust eines Künstlers entgangen ist, gilt auch für einige Opfer des Holocaust.

  10. Obwohl in der Phase des Holocaust die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe nur noch eine sekundäre Rolle spielte, ist es dennoch interessant zu fragen, welche besonderen Überlebenschancen bildende Künstler in den Lagern hatten. Der Fokus auf die Chance des Überlebens bei Malern, Plastikern, Fotografen und Grafikern bleibt noch zu unter­suchen. Insbesondere ist die psychologische Frage zu klären, ob Künstler kraft ihrer Kunst den Lagerumständen besser trotzen konnten.